Konzerte

  • 16.10.
    Hamburg
    Molotow
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    The Tube
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  • 12.10.
    Berlin
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  • 10.10.
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    Speicher
  • 08.02.
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  • 06.10.
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  • 05.10.
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    folks!club
  • 04.10.
    Stuttgart
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  • 02.10.
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    Rhiz
  • 01.10.
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    Leipzig
    Täubchenthal
  • 29.09.
    Mainz
    schon schön
  • 28.09.
    Münster
    folks!club
  • 27.09.
    Langenberg
    KGB
  • 25.09.
    Aarau (CH)
    KIFF (Foyer)
  • 24.09.
    Freiburg
    SWAMP

Über Helgen

HELGEN „Die Bredouille“

Wer dieses außergewöhnliche Album das erste Mal erlebt hat, möchte danach jedem davon erzählen. Wie ein kleiner Junge zerrt man am Hemdsärmel eines vielbeschäftigten Freundes, möchte gerade ansetzen, und zögert dann doch. Denn: Zuviel über diese Lyrik zu verraten, die Emotion und Präzision vereint und die mit Lichtkegeln auf einzelne Szenen dann doch ganze Leben erzählt – das wäre im Grunde Spoilern. Und Filme, die man gesehen haben muss, spoilert man nicht.

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Über Helgen

HELGEN „Die Bredouille“

Wer dieses außergewöhnliche Album das erste Mal erlebt hat, möchte danach jedem davon erzählen. Wie ein kleiner Junge zerrt man am Hemdsärmel eines vielbeschäftigten Freundes, möchte gerade ansetzen, und zögert dann doch. Denn: Zuviel über diese Lyrik zu verraten, die Emotion und Präzision vereint und die mit Lichtkegeln auf einzelne Szenen dann doch ganze Leben erzählt – das wäre im Grunde Spoilern. Und Filme, die man gesehen haben muss, spoilert man nicht.
Beginnen wir also mit der Musik und machen wir dem Freund klar, dass dieses Trio zwar aus Hamburg kommt und Indie spielt, mit der Hamburger Schule aller Generationen aber wenig zu tun hat. Viel näher stehen diese Klänge den weitläufigen Landschaften des Post Rock, der zeitlosen Popkunst von Talk Talk, der Psychedelik der 60er, dem alten Onkel Funk und sogar der flirrenden, die Arme am Berggipfel ausbreitenden Epik von U2. Großes Kino, gespielt mit der stilsicheren Nonchalance dreier Jungs, die in ländlichen Gefilden aufgewachsen sind und die nun in der Metropole eher eine Trödelhöhle in Eilbek oder einen Plattenladen am Schulterblatt betreten, als sich im Elektrogroßmarkt nach einem neuen Smartphone umzusehen. Männer, die jung genug sind, um schon in ihrer Adoleszenz von Nada Surf, The Notwist oder der mittleren Phase von Grönemeyer gleichermaßen beeinflusst worden zu sein. Und alt genug, um an ein Album den Anspruch zu stellen, dass es von vorne bis hinten einer Dramaturgie folgt, in der jede Szene an der richtigen Stelle steht. „Die Bredouille“ steigt schwungvoll ein, zieht sich in der Mitte der Handlung in ein melancholisches Tal der Stille zurück und schwingt sich gegen Ende zu lebensbejahender Trotzigkeit auf. Das Titelthema spielt dabei in jeder Szene eine Rolle. Die verschiedenen Formen der Bredouille sieht die Band eher als „Wegbegleiter des Lebens“ denn als Grund zur Verzweiflung. Das Instrumentalstück „Trick Track“ hat seinen Namen von einem Vorläufer des Backgammon, der den Begriff der „Bredouille“ überhaupt erst hervorgebracht hat. Es handelt sich um die missliche Lage, wenn der Mitspieler eigentlich uneinholbar führt.
Das alles erzählt man dem Freund, dessen müde Augen langsam Glanz bekommen und vor Neugier funkeln wie lange nicht mehr. Eigentlich liebt er echte Musik, doch er hat keine Zeit mehr für Entdeckungen, da er immerfort arbeitet. Jemand hat ihm gesagt, er müsse „alles schaffen“ und könne „alles sein“, möchte man den Song „Woran hat es gelegen“ zitieren, ein erleichterndes Statement gegen den Machbarkeitswahn. Und schon ist man doch mittendrin im Spoilern dieser großartigen Mischung aus Komödie, Tragödie und Stationendrama.
Der Freund setzt sich und man erzählt…
… von der Umwelt-Dystopie „Die Geigerzähler geigen“, die gleichzeitig an die ungelösten Probleme der Kernkraft und die unterschätzte Klasse der vor zwanzig Jahren viel gedissten Band Echt erinnert: „Musst du etwa weinen oder ist das saurer Regen auf deiner Oberlippe?“
… von dem Individualismus-Plädoyer „Wie gut, dass du spinnst“, das ein originelles Sprachbild nach dem anderen wie empfindliche Trüffel auf ein Salatbett aus verträumtem Slowgaze legt.
… von der Liebeserklärung „Der Grashalm im Orkan“, in der das Gegenüber den Erzähler, der „den Plan vor lauter Plänen nicht mehr sieht“, stets beruhigen und aufbauen kann: „Es bleibt solange dunkel, bis du das Licht anknipst.“
… von dem Abschiedslied „Tschüss“, das für den Tod die unglaublichsten Worte findet, die bislang einem deutschen Künstler eingefallen sind: „Irgendwann bist du weg, für immer versteckt.“
„Die Bredouille“ ist erst das zweite Album von Sänger und Gitarrist Helge, Bassist Niklas und Trommler Timon, und man möchte die Prognose wagen, dass es sich eines Tages in die historische Liste perfekter zweiter Alben einreiht, direkt neben „(What’s the Story) Morning Glory?“ von Oasis, „Crooked Rain Crooked Rain“ von Pavement oder „Weißes Papier“ von Element Of Crime, wenn man nur deren deutschsprachige Platten zählt.
Der Freund zupft derweil die Hand von seinem Hemdsärmel und sagt: „Genug der Worte, nun lass mich endlich hören!“ Eigentlich hat er keine Zeit, aber für Helgen nimmt er sie sich. Es wird sich lohnen.
(Oliver Uschmann)

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